Mein Zeuge ist Don Gasparro                                Sigismund von Radecki

 

Da sowohl hier als auch jenseits des Flusses allerhand Schauergeschich­ten verbreitet werden darüber, was sich letzten Freitag Vormittag auf der Trinidad‑Brücke abgespielt hat, so bringe ich eine wahrheitsgemäße Darstellung jener Vorfälle, die geeignet ist, allen alten Weibern den Mund zu stopfen. Mein Zeuge ist Don Gasparro Schüetzli, ein Mann, der seit Jahren die Rangierlokomotive "Elvira" führt und als vorsichtiger und erfahrener Staatsbürger bekannt ist.

Ich, der verheiratete Minenarbeiter Pedro Alverde, beschritt an jenem Vormittag die Trinidad‑Brücke von der Station Santa Anna aus, um mich nach Aranagua zu begeben, da ich meine Gattin besuchen und meinen Anspruch auf eine Silberader anmelden wollte, die ich in Rocca Palumba gefunden hatte. Nun weiß man ja, was unsere Brücke vorstellt: Seit fünfzehn Jahren schwindelt sie sich "provisorisch" über den Fluss und ist dabei so baufällig, dass den Kaimanen 1 unten auf der Sandbank jedes Mal der Mund wässerig wird, wenn ein Zug hinüberdampft. Im Grunde ein auf spinnebeinigen, wurmstichigen Pfeilern ruhendes Schienengeleise, das notdürftig durch Holzschwellen zusammengehalten wird.

Als ich etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte, kam es mir vor, als ob die Schwellen merkwürdig zitterten und die Schienen wie unter einem Druck ächzten. Ich wandte mich blitzschnell um  und sah eine ungeheure Güterzuglokomotive rasch auf mich zufahren. Ich schrie und winkte mit dem Arm, allein die Lokomotive fuhr mit unveränderter Geschwindigkeit drauflos: Wahrscheinlich erzählten sich die Maschinisten gerade etwas Interessantes. Zur Seite springen konnte man nicht, auch war der nächste Brückenpfeiler zu weit entfernt, und darum tat ich, was jedermann getan hätte ‑ ich klammerte mich mit den Händen an eine Bahnschwelle zwischen den Schienen und ließ mich hinunterhängen. Plötzlich baumelte ich über dem furchtbaren Abgrund. Mit Funkensprühen fuhr jetzt die Lokomotive über mich hinweg.

 

Als der letzte Waggon endlich vorübergerollt war, machte ich angestrengte Versuche, wieder nach oben zu kommen. Ich schwang mich wie an einer Reckstange auf und ab, uni endlich mit den Füßen eine andere Schwelle fest zu kriegen. Aber das ging nicht, weil man Gefahr lief, mit der Hand vom eigenen Balken abzurutschen. Dann versuchte ich, mich hinaufzustemmen, aber mein Rucksack hinten war zu Schwer. Dann versuchte ich es mit einem Bauchaufschwung, doch stellte sich's heraus, dass ich jetzt dazu bereits zu schwach war. Und endlich versuchte ich, wenigstens die eine Hand von der anderen Seite um den Balken herumzubekommen, damit ich über der umschlungenen Schwelle die Hände festhalten und also sicherer hängen konnte. Dazu hätte ich aber einen Sekundenbruchteil an einer Hand hängen müssen ‑ und ich fühlte plötzlich: dazu reichte es nicht mehr. Und so blieb ich, mit einer Anmeldung in der Tasche, mitten in der Luft hängen und schrie, so laut ich konnte. Aber der Fluss ist breit.

 

Es war heiß; alles schien zu schlafen. Ich riskierte einen Blick in die Tiefe und sah ein paar dunkle Striche an der Sandbank. Das waren Kaimane. Unterdessen hatte sich ein zweiter Mann von Santa Anna auf den Weg gemacht. Ein Angler hat mir erzählt, dass das sehr merkwürdig ausgesehen habe: wie von der Brückenmitte etwas kleines Schwarzes herunterhing und wie eine andere kleine Figur sich langsam näherte. Diese war Ramon Guijarro, ein Mann, dessen Charaktereigenschaften nach ein paar Schritten ans volle Licht treten werden. Er wollte ebenfalls nach Aranagua ‑ aber um einer Anzeige zu entgehen. Einer Anzeige wegen fortgesetzten Pferdediebstahls. Als er mein Schreien hörte, beeilte er sich, und bald hörte ich seinen Sprung von Schwelle zu Schwelle. Er kam mir wie ein Engel vorn Himmel vor. Er blieb plötzlich vor meiner Schwelle stehen. Und was ich jetzt bringe, ist wörtlich:

 

"Machst du Turnübungen, he ‑?" fragte Guijarro und steckte die Hände in die Taschen.

 

Halt mich fest!  ‑ Gott sei Dank, dass du gekommen bist' ... Zieh, zieh, ich muss sonst gleich loslassen . . !'' schrie ich zu seinen Füßen hinauf. "Was gibst du mir dafür?" fragte Guijarro und spuckte in den Fluss.

 

Zehn Pesos."

 

"Das ist zuwenig", sagte er nachdenklich. "Bedenke ‑ ich rette dir das Leben!"

 

"Wie viel willst du?" brüllte ich. "Schnell: Fünfzehn? Zwanzig? Fünfundzwanzig? ‑Santissima, ich muss gleich loslassen

 

"Wie viel hast du bei dir?"

"Sechsundvierzig Pesos ‑ oh, so halt mich doch ...

 

"Geht in Ordnung", meinte Ramon Guijarro und beugte sich über die Schwelle, um mir zu helfen.

 

Doch in diesem Augenblick bewog ihn ein dumpfes Geräusch, sich schnell umzublicken. Der ungestüm anwachsende Leib einer Lokomotive kam in voller Fahrt auf ihn zu, Mit einem Fluch hatte Ramon gerade noch Zeit, sich geschwind an die Bahnschwelle zu hängen ‑ an meine Bahnschwelle, mit dem Gesicht mir zugekehrt, mit seinen Augen in meinen Augen!

 

Der stämmige Guijarro hing mit seinem Gesicht dicht gegenüber meinem und schaute mich wütend an. Ich aber fühlte mich unsäglich elend ‑ ich schlenkerte mit den Füßen ‑ ich hatte keine Kraft mehr, die entsetzliche Schwelle festzuhalten ‑ und klemmte plötzlich Guijarros Leib, der sich zuckend wehrte, mit meinen Beinen wie eine Zange fest! Nachdem ich so einen neuen Halt bekommen, ließ ich meine Linke von der Schwelle abgleiten und umschlang den Mann mit meinem frei gewordenen Arm.

 

Ich empfand ein wunderbares Gefühl des Gerettetseins. Das war ja seine eigene Schuld, warum hatte er mich nicht gleich emporgezogen! Darin konnte auch meine Rechte die Schwelle nicht mehr halten ‑ und nun hing Ramon Guijarro mit einer doppelten Menschenlast von der Brücke herunter und schrie seinerseits, so laut er konnte. Mich abzuschütteln, wagte er nicht, denn er wäre mit mir zusammen in die Tiefe gestürzt. An irgendetwas muss sich der Mensch im Leben halten.

 

Indessen hatte die Lokomotive (denn es war bloß eine Rangierlokomotive und kein ganzer Zug ‑ aber wer konnte das von den Schienen aus sehen?) kurz vor dieser Unglücksstelle Halt gemacht. Und Don Gasparro Schüetzli, der Maschinist, kletterte längs des Kessels nach vorn und ließ sich über die Laternen vorsichtig aufs Geleise herunter. Er hatte von Santa Anna aus beobachtet, wie mitten auf der Brücke zwei Männer plauderten: einer oben stehend, der andere unten hängend ‑ und das war ihm verdächtig vorgekommen! Darum hatte er seiner alten "Elvira" Volldampf gegeben, um sich an der Unterhaltung zu beteiligen.

 

Ramon fauchte mich unterdessen an wie eine Katze: "Bestie! Loslassen, du Vampir! ... Ich kann nicht mehr halten !!" brüllte er und versuchte dazwischen mit Beißen, mich von sich loszulösen.

 

Aber ich dachte nicht daran! Ich wich den Zähnen mit abgewandtem Kopf aus und klammerte mich nur umso fester an meinen einzigen Halt. In diesem Augenblick war Don Gasparro bis an die Schwelle heran gelaufen. Er sah zwei ins Holz verkrampfte Hände, unter deren Fingernägel Blut hervorquoll, und auf der anderen Seite der Schwelle eine dritte, fieberhaft ausgestreckte Hand ‑ die meine. Diese einzige Hand, welche frei war, packte der Maschinist fest an. Und zog. Allein ‑ zugleich hörte

 

er einen lang gezogenen Schrei und sah die blutigen Hände von der Schwelle abgleiten.

 

Ramon Guijarro hatte die Doppellast nicht mehr halten können ... Einen Augenblick noch schlenkerte er kopfabwärts, in meinen Beinen hängend, verzweifelt suchte ich mit meiner freien Linken nach ihm zu greifen ‑ und dann stürzte Ramon Guijarro, immer            kleiner werdend, in die Tiefe. Weiß spritzte das Flusswasser auf. Die Kaimane machten sich von der Sandbank wohl auf den Weg.

 

Don Gasparro aber zog mich jetzt mit einem Ruck nach oben. Er sagte mir später, dass er mich wie ein hilfloses, zitterndes kleines Kind auf die Lokomotive habe tragen müssen. Und während die "Elvira" langsam ihren Weg nach Aranagua fortsetzte, hatte ich mich bald soweit gefasst, um Don Gasparro den Hergang der Sache zu erzählen.

 

"Das ist ihm recht geschehen!" meinte er. "Warum feilschte er? Warum war er nicht mit zehn Pesos zufrieden? . . . Er hat übrigens bei Lebzeiten Pferde gestohlen ... Friede seiner Seele!"

 

Bekanntlich macht die Bahn kurz vor Aranagua hart an dem Fluss einen Bogen. Als wir so langsam am Ufer herfuhren, sahen wir plötzlich, wie sich aus dem Wasser irgendetwas erhob, das über und über mit Schlamm und Pflanzen bedeckt war. Eine menschliche Gestalt, die mit Würde dem Ufer zustrebte und wie eine Art Flussgott an Land stieg. Und als wir hielten, schien uns auf einmal, als ob die Gestalt eine gewisse Ähnlichkeit hätte ..

 

"Santissima!" flüsterten wir, "‑ Guijarros Gespenst!!" "Hallo, bist du es, Ramon?" rief Don Gasparro.

 

Da zeigte er uns bloß stumm die Faust. Und als wir ihn dann fragten, wie er sich denn vor den Kaimanen gerettet habe, da sagte er, dass er von den Indios noch ganz andere Sachen gelernt habe, als mit Kaimanen umzugehen, und dass wir uns vorsehen sollten' . . .

 

"Da sieht man", sagte Don Gasparro Schüetzli und gab Volldampf, "dass die Kaimane doch wählerisch sind."

 

So und nicht anders war der Hergang der Sache. Insbesondere ist es nicht wahr, dass Guijarro später zu mir gekommen sei, um die sechsundvierzig Pesos abzufordern. Ich hätte sie ihm auch auf keinen Fall gegeben.

 

Es besteht also nicht der mindeste Grund zur Aufregung.

 

1 der Kaiman: Krokodil im tropischen Südamerika

2 der Peso:,südamerikanische Münze

3 santissima: Heiligste (= Maria)